Publiziert in: Lost Landscapes-Reflections from Central European Border Regions, Regional Develpment Agency Mura, Murska Sobota 2012

Eine Grenze ist kein Phänomen an sich, sondern eine Schnittstelle zwischen zwei oder mehreren benachbarten Systemen. Ihr Charakter widerspiegelt die Eigenschaften von diesen, die Art ihrer Beziehungen sowie die Form ihrer Kommunikation. Sie verwandelt sich mit ihnen im Laufe der Zeit.

Thaya ist ein symbolträchtiger Fluss und die Region um ihn ein exemplarisches Beispiel solcher Wandlungen. Vom österreichischen Süden, aus Schweiggers im mittleren Waldviertel kommt über Waidhofen/Bejdov in Richtung Nordwesten das Deutsch-Thaya/Německá Dyje (nicht etwa Österreichisch-Thaya). Von nördlichen Jihlava/Iglau fließt über Telč/Teltsch, Dačice/Datschitz und entlang Slavonice/Zlabings die Moravská Dyje/Mährisch-Thaya direkt nach Süden. Unter der Burg Raabs/Rakous, die Österreich seinen tschechischen Namen gab, treffen sie sich und als gemeinsames Thaya/Dyje wölben sie sich in zahlreichen Mäandern über Znojmo/Znaim und Laa/Lava in Richtung Osten nach Břeclav/Lundenburg, mal auf dem österreichischen, mal auf dem mährischen Gebiet, mal die Grenze zwischen ihnen bildend, bis zu Hohenau/Cáhnov, wo Thaya im March/Morava mündet, dem Fluss, der Mähren seinen Namen gab.

Die Thayaregion gehört zu den ältesten besiedelten Gebieten Europas. Im Laufe der Jahrtausende haben sich hier dutzende Stämme und Völker angesiedelt und ihre Spuren hinterlassen. Ihr gegenwärtiges Antlitz haben ihr in dem letzten Jahrtausend die Mährer, Deutschösterreicher, Tschechen, Juden eingeprägt. Anders als im Böhmen gab es hier nie eine scharfe Sprach- und Nationalitätengrenze. Die Thayaregion war der Mittelpunkt eines fließenden Übergangs zwischen dem deutschsprachigen Wien mit seiner großen tschechischen Minderheit und dem tschechischsprachigen Brünn mit seiner großen deutschen Minderheit. Die Orte unterschieden sich hier nur durch verschiedene Anteile beider Sprachgruppen. Ohne Thayaregion würde das Ostösterreich anders aussehen, es würden etliche Persönlichkeiten fehlen, einschließlich zwei Bundespräsidenten.

Mit dem zweiten Weltkrieg wurde diese Kontinuität abrupt unterbrochen. Zuerst wurden die Deutsch- und die Tschechischsprachigen gegeneinander aufgehetzt. Danach wurde die tschechischsprachige Bevölkerung der deutschsprachigen unterworfen und die jüdische vertrieben und ausgerottet. Und zum Schluss wurde die deutschsprachige Bevölkerung aus dem mährischen Teil der Thayaregion vertrieben. Auf ihre Stelle kamen Menschen aus Böhmen, Mähren, der Slowakei, aus der ganzen Welt, alle entwurzelt, alle ohne Bezug zu dem Land und zu ihren neuen südlichen Nachbarn.

Ein großes Teil der Vertriebenen hat sich dagegen gleich südlich der Grenze in dem österreichischen Teil der Thayaregion angesiedelt. Es vermittelt hier seine bitteren Erfahrungen mit dem nördlichen Nachbarn, sein Misstrauen und seine Ressentiments.

Und schließlich hat der Eiserne Vorhang mit dem Stacheldraht, den Wachtürmen, Minenfeldern und dem Schießbefehl die Region samt ihre Menschen in zwei leblose, isolierte Peripherien an der Grenze zweier verfeindeten Welten zerschnitten. Für die nächsten vierzig Jahre gab es quer über die Grenze keine Kontakte, keine Kommunikation mehr. Zwei Generationen wuchsen ein paar Kilometer, oft nur einige Hundert Meter voneinander entfernt, jede mit ihrem eigenen geschlossenen Topos, die beiden wussten mehr über die amerikanischen Indianer, als über ihre unmittelbaren Nachbarn. Nach der Grenzöffnung gibt es hier nichts, worauf man noch anschließen könnte. Es ist ein Nullpunkt, ein Neubeginn, eine wahrhafte Premiere.

Die Folgen betreffen im gleichen Maße beide Seiten. Eine strukturschwache Region, niedriger Lebensstandard, niedriges Bildungsniveau, Mangel an Arbeitsgelegenheiten, Pendeln in die entlegenen Zentren, Auswanderung der Jugend, Aussterben charakterisieren sowohl den nördlichen Teil des Wald- und Weinviertels wie auch die benachbarten südböhmischen und –mährischen Bezirke.

Gleichzeitig verschonte der Abgang von Bevölkerung, Wirtschaft und Investitionen die Natur und die Ballungszentren vor einer Devastation durch die Entwicklung des 20. Jahrhunderts. Die Thayaregion blieb weitgehend unverzerrt, sowohl in ihrem ursprünglichen Landschaftsbild mit einer weitgehend intakten Naturwelt, wie auch in ihrer urbanen Form als ein Landschaftsstreifen malerischer Kleinstädte mit einem intakten mittelalterlichen Stadtkern, unberührt von dem modernen Grossaufbau. Einen beachtlichen Teil der Thayaregion bilden Kultur- und Naturreservate, das UNSECO Kulturerbe Telč/Teltsch, das demnächst-UNESCO Kulturerbe Slavonice/Zlabings, der Naturpark Geras, der Internationalpark Thayatal/Podyjí, das Naturschutzgebiet Leiser Berge, das UNESCO Biosphärenreservat Pálava/Pallauer Berge, das Landschaftsschutzgebiet Falkenstein, das Stadtreservat Mikulov/Nikolsburg, das UNESCO Kulturerbe Schlossareal Lednice-Valtice/Eisgrub-Feldsberg, die March-Thaya-Zwickel und etliche andere.

Die beiden Teile der Thayaregion haben nach wie vor noch viel mehr gemeinsam. Erst wenn man sie näher kennen lernt, erstaunt man über das ähnliche Genius Loci. Es ist vielleicht weniger überraschend im Weinviertel und um Znojmo/Znaim und Mikulov/Nikolsburg, wo die gleiche Weinkultur zu Hause ist und einen Wiederanknüpfungspunkt bildet. Doch das Waldviertel haben in den letzten Jahrzehnten die Wiener Künstler und Intellektuelle als ein Zufluchtsort entdeckt und parallel auch die Prager Künstler und Intellektuelle gleich direkt gegenüber, um Slavonice/Zlabings und Česká Kanada/Tschechisches Kanada. Das latente Potenzial einer grenzüberschreitenden Verbindung wird jedoch nur punktuell realisiert.

Ebenfalls das überwältigende Tourismuspotential der Region, eine der wenigen Chancen für ihre Zukunft, liegt weitgehend brach. Die Region wird höchstens als eine Ausflugdestination für die urbanen Zentren, Wien, Brünn, teilweise Prag wahrgenommen – freilich nur auf der jeweils eigenen Seite, selten grenzüberschreitend. Das einzige Projekt, das die gesamte Region als Teil eines internationalen Radfahrnetzwerks wahrnimmt und vermarktet kommt bezeichnenderweise von den amerikanischen Greenways. Für den Ausbau der regionalen Radfahrinfrastruktur brachte es immerhin wichtige Impulse, Maßstäbe und Know-How.

Doch ein effizientes und systematisches Nutzen des regionalen Potenzials bedürfte einerseits Bewusstsein einer gemeinsamen regionalen Identität mit der Bereitschaft zur grenzüberschreitenden Zusammenarbeit und andererseits organisatorische, finanzielle und politische Unterstützung aus den Zentren. Beides fehlt. Die österreichisch-tschechische Grenze bleibt nach wie vor wenn nicht in ihrer lebensbedrohlichen physischen Form, dann in den Köpfen ihrer Einwohner und ihrer Politiker weitgehend intakt.

Es lohnen sich einige Vergleiche. Die Änderung der demographischen Struktur auf der tschechischen sowie ihre Folgen auf der österreichischen Seite dürfte den Unterschied zu dem burgenländisch-ungarischen oder kärtnerisch-slowenischen Grenzland erklären, wo der fließende Übergang zwischen den beiden Kulturen die Zeiten des Kommunismus überlebte und danach optimale Bedingungen für einen rasanten Aufstieg gemeinsamer kultureller, kommunaler und wirtschaftlicher Aktivitäten bot. In den ersten Jahren nach der Wende wies Burgenland kontinuierlich das höchste Wirtschaftswachstum unter allen Bundesländern auf und der gleiche Aufschwung war auch im Westungarn zu verzeichnen.

Ähnlich wie das österreichisch-tschechische müsste jedoch aus den gleichen Gründen auch das deutsch-tschechische Grenzland betroffen sein. Ja schlimmer, die tschechischen Ressentiments aus der Protektoratzeit richteten sich gegen Deutsche, während Österreicher als Hitlers erste Opfer und der Tschechen beste Freunde galten. Der Hauptsrom der Vertriebenen aus der Tschechoslowakei ging nach Deutschland und auch Grossteil derer, die nach Österreich kamen wurde nach Deutschland weiter vertrieben, sodass die Konzentration der Vertriebenen und ihrer Nachkommen entlang der bayerisch-tschechischen Grenze wesentlich höher ist, als entlang der österreichischen Grenze.

Doch stimmt die Annahme nicht. In seiner dynamischen Entwicklung ist das bayerisch-tschechische Grenzland viel mehr mit dem österreichisch-ungarischen als mit dem österreichisch-tschechischen zu vergleichen.

Eine Erklärung dafür liegt in der Bemühung, gegenseitige Beziehungen zu verbessern, indem man sie bewusst kultiviert und in sie investiert. Wohlgemerkt wird diese hauptsächlich von der deutschen Seite getragen, die eine vergleichbare Erfahrung mit der Überwindung der jahrhunderte alten deutsch-französischen Erzfeindschaft bereits nach dem zweiten Weltkrieg machte – ein Erfolgserlebnis, das die aufgewendeten Mittel tausendfach einbrachte und schließlich zum Kern der europäischen Integration wurde.

So ist als Folge der deutsch-tschechischen Erklärung aus dem Jahre 1997 der Deutsch-Tschechische Zukunftsfonds entstanden, das von den beiden Ländern gespeist wird und aus dem verschiedenste Verständigungsprojekte unterstützt werden. Neben diesem unterhalten alle deutschen Parteien eigene Stiftungen, die ebenfalls Projekte der grenzüberschreitenden Verständigung fördern und dazu kommen etliche weitere öffentliche und private finanzielle Quellen aus den beiden Ländern wie auch vom Ausland mit ähnlichen Zielsetzungen.

Doch es geht nicht allein um das Geld. Als eine Institution des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds wurde das Deutsch-Tschechische Gesprächsforum ins Leben gerufen, eine Plattform, auf der sich jährlich Persönlichkeiten aus der Politik, des öffentlichen Lebens sowie der Zivilgesellschaft beider Länder treffen und ihre Ansichten austauschen – heuer bereits zum fünfzehnten mal. Waren die ersten Jahrgänge hauptsächlich durch die Themen der historischen Lasten dominiert, so hat sich das Treffen inzwischen zu einem wichtigen mitteleuropäischen Dialogforum weit über den deutsch-tschechischen Rahmen hinaus entwickelt, an dem strategische Fragen der europäischen Zukunft von Teilnehmern aus den betroffenen Ländern diskutiert werden.

Das Resultat ist nicht nur ein weitgehender Abbau der Spannungen und Vorurteile auf den beiden Seiten, sondern auch eine ungenierte grenzüberschreitende Zusammenarbeit auf den kommunalen, kulturellen, schulischen, wirtschaftlichen, infrastrukturellen Ebenen. In dem bayerisch-tschechischen Grenzland gibt es kaum Angelegenheiten, die nicht mit Selbstverständlichkeit gemeinsam mit dem Nachbarn konsultiert und gelöst werden. Und eine vergleichbare Entwicklung ist ebenfalls in den deutsch-polnischen Beziehungen und in ihren Grenzregionen zu beobachten.

Doch der Abbau der Spannungen betrifft nicht nur die Zukunftsperspektiven, wie es der Name des Fonds vermuten lassen könnte, sondern hat ebenfalls ein Prozess der Aufarbeitung der historischen Lasten auf beiden Seiten zur Folge. Die Einstellung zu der Vertreibung hat in Tschechien einen grundlegenden Wandel durchgezogen, aus einem großen Teil dank dem Engagement der Zivilgesellschaft und insbesondere der jungen Leute. Um nur einige Beispiele aus der letzten Zeit zu nennen, im Theater werden die Morde an den Deutschen in Postoloprty/Postelberg rekonstruiert, im öffentlichrechtlichen Fernsehen laufen Zeitdokumente über das Morden auf tschechische Art, neuerlich ist ein bemerkenswerter Roman einer jungen Schriftstellerin über den Brünner Todesmarsch erschienen und im Vorjahr verzeichnete großes Publikumserfolg der Film Habermanns Mühle über das, wie die Tyrannisierten zu Tyrannen wurden, wie ich es in einer Zuschauerreaktion gelesen habe.

Auch die Einstellungen der Vertriebenen haben sich im Laufe des Prozesses geändert. Es begann üblicherweise damit, dass sie sich in ihren Heimatsorten zu engagieren anfingen, sei es bei der Rekonstruktion der Kirche, Unterstützung der Schule oder andersartig. Mit dem Wandel auf der tschechischen Seite trafen sie zunehmend auf Verständnis und Respekt, sodass sich heute viele – und nicht zuletzt die besonders kritischen unter ihnen – in ihren Heimatgemeinden wieder integriert haben und sich als voll akzeptierte Gemeinschaftsmitglieder aktiv auf dem Gesellschaftsleben beteiligen.

Waren unmittelbar nach der Wende die Österreicher die beliebtesten und die Deutschen die unbeliebtesten Nachbarn der Tschechen, so hat sich das Bild zwanzig Jahre später genau umgekehrt. Das letzte Überbleibsel des Eisernen Vorhangs bestätigt somit die Einleitungsthese, dass der Charakter einer Grenze nicht durch diese selbst, sondern durch die Eigenschaften der benachbarten Systeme und ihrer Beziehungen bestimmt wird.

Ein Ausweg für die Thayaregion ist nicht in Sicht, solange sich das Bewusstsein der beiden Seiten nicht ändert. Das ist jedoch – wohlgemerkt – nicht von den Politikern zu erwarten. Sowohl den österreichischen wie auch den tschechischen fehlt die deutsch-französische Nachkriegserfahrung. Stattdessen haben sie sich in der Regel den gegebenen Umständen gut angepasst und es mangelt an der Motivation daran etwas zu ändern. Wenn überhaupt, dann kann eine Initiative zur Wiederbelebung der Thayaregion nur von ihren Bewohnern selbst kommen.

 

Yin-Yang: links von dem Fluss March sehen Sie Angern, NÖ, rechts Záhorská Ves, SK. Auf dem Bild sehen Sie keine Brücke. Quelle: Google Maps.